Schlechte Esser gibt es nicht

Kinder zum Probieren zwingen? "Never ever", findet Expertin Edith Gätjen

Kinder zum Essen zwingen? Auf keinen Fall, fordern Experten
Wer würde sich da für den Spargel entscheiden? Die meisten Kinder nicht. © istock

Zank ums Essen, weil Kinder nicht alles probieren wollen

Jeden Tag Diskussion ums Essen, weil Ihre Kinder nur spezielle Gerichte mögen und keine Lust auf Gemüse haben? Willkommen im Club! So geht es vielen Eltern. Unsere Autorin Mireilla Zirpins hat sich mit ihren beiden Kindern (7 und 10) auf die Suche nach Inspiration in Kochbüchern „für die ganze Familie“ gemacht und sich Rat bei Ernährungsexpertin Edith Gätjen geholt.

von Mireilla Zirpins

Viele Kinder ziehen Süßes dem Brokkoli vor - verständlich!

Meine zehnjährige Tochter isst am liebsten Süßes – und ihrer Meinung nach gibt’s davon viel zu wenig bei uns. Vielleicht noch eine Pizza mit Thunfisch – aber bitte bloß ohne Käse. Gefühlt einmal im Monat akzeptiert sie ein bisschen Brokkoli oder eine rohe Möhre. Ihr kleiner Bruder fischt grundsätzlich alles Gemüse raus, egal ob roh oder gekocht. „Es gibt keine ‚Gemüseverweigerer‘“, beruhigt mich Edith Gätjen, Ernährungsberaterin und systemische systemische Paar- und Familientherapeutin, die zahlreiche Bücher zum Thema geschrieben hat („Lotta lernt essen“*, „Lottas Lieblingsessen“*). „Man kann den Kriegsdienst verweigern, aber doch kein Gemüse. Das Kind ist da vielleicht einfach noch nicht oder in Bezug auf Essen nicht ganz so mutig wie auf dem Klettergerüst.“

Die Vorliebe für Süßes hat außerdem evolutionsgeschichtlich ihren Grund: „Biologische Schutzprogramme in unserem Körper lassen uns Lebensmittel suchen, die süß sind oder salzig und konzentrierte Energie bieten. In das Programm passt ein Brokkoliröschen nicht rein“, weiß Oekotrophologin Gätjen.

Die Expertin ermutigt Eltern, das Essverhalten ihrer Kinder nicht rein auf der Lebensmittelebene zu sehen – und vor allem, es nicht zu bewerten. Ob wir wertend sagen „Mein Sohn isst nur Kartoffeln“ oder neutral feststellen „Mein Sohn isst Kartoffeln“ macht für die Ernährungsberaterin einen himmelweiten Unterschied.

Brokkoli wollen nicht alle Kinder gern essen
Brokkoli - manche Kinder sind einfach noch nicht so weit, weiß Edith Gätjen © iStockphoto

Ihr Kind will kein Gemüse essen? Dann isst es eben keins

Mein siebenjähriger Sohn (Team Hackfleisch und Fischstäbchen) isst Kartoffeln. Punkt. Aber warum mache ich mir trotzdem Gedanken, wenn er kein Gemüse isst? „Dann isst er keins“, sagt Edith Gätjen energisch. Warum muss ich an die Pyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) denken, wenn er die Möhrenstücke aus den Linsen fischt – und an die mahnenden Blicke anderer Muttis auf dem Spielplatz, weil unser Kind die Gemüsesticks verschmäht, die seine Altersgenossen auf dem Spielplatz futtern? Edith Gätjen weiß um den Druck, den Eltern, insbesondere Mütter verspüren: „Wir haben Sorge um unser Kind, möchten es nähren und versorgen. Und wir möchten es gut machen.“

Gut machen heißt für die Ernährungsexpertin: Die drei Portionen, also drei Kinderhändchen voll Gemüse und zwei Portionen Obst aus der Ernährungspyramide anbieten und gucken, was passiert. Sie empfiehlt übrigens, den Kindern das Gemüse mit anderer energiereicher Kost anzubieten. Und nicht auf gekochtem Gemüse bei den Hauptmahlzeiten zu bestehen. „Rohkost snacken und knabbern fast alle Kinder gerne. Bei der Rohkost haben sie nie das Gefühl, satt werden zu müssen. Das ist bunt, macht Knack und gibt ein bisschen Flüssigkeit.“

Es ist okay, nicht alles essen zu wollen

Insgesamt drei Haupt- und ein bis zwei Zwischenmahlzeiten sollten es sein mit klarem Anfang und Ende sowie mindestens zwei Stunden Abstand zueinander. „Sie als Eltern sagen, wann es was zu essen gibt, was es zu essen gibt und wie es das gibt. Und ihr Kind, ob es etwas davon essen möchte und wie viel es davon essen möchte. Und für beide Parteien gilt: ein Nein ist ein Nein.“

Und ein „Nein“ heißt auch: nicht probieren müssen. „Never ever! Der Teller ist privat, der Mund intim“, fordert Edith Gätjen in unserem Interview. Ja, vielleicht biete ich manchmal zu offensiv Essen an, auch wenn ich es nicht auf den Teller meiner Kinder lege und sie niemals zwingen würde zu kosten. Denn ich habe Verständnis für meine Kinder, habe sie tapfer vor Erzieherinnen verteidigt, die es mit Anleck- oder Schluck-Zwang versuchten.

Meine Schwester und ich waren nämlich exakt genauso. Sorry, Mama und Papa! Und eigentlich sollte ich mich ja jetzt entspannt zurücklehnen und mir sagen, dass in schätzungsweise 20 Jahren aus meinen beiden Süßen genauso entspannte Esser werden wie ihr Papa (früher war Fleisch sein Gemüse), meine Schwester und ich. Aber ich muss den beiden ja jetzt mehrfach täglich was auftischen, möchte nicht am nächsten Tag die Reste essen und hektisch während meiner Mahlzeit noch etwas anderes herbeischaffen.

Gemeinsam in Kochbüchern blättern macht den Kids Lust

Wir holen uns Inspiration in verschiedenen Kochbüchern. Und ich beziehe meine Kinder dabei aktiv ein. Beide lieben es, wenn wir gemeinsam auf dem Sofa lümmeln und die Bilder anschauen. Sie wissen sehr gut, was sie ansprechen könnte und verteilen fleißig bunte Lesezeichen-Sticker. Das heißt nicht, dass sie es dann auch probieren oder essen. Der Sticker heißt: Mama, damit kannst du es bei mir mal versuchen.

Und tatsächlich hat meine Neunjährige Lust, selbst aktiv zu werden. Sie kocht den mit Honig glasierten Lachs aus „Iiiiih war gestern“, schneidet dazu selbst Kartoffeln in Würfel und brät sie in der Pfanne kross. Und sie probiert ganz auf eigene Initiative Blattspinat, den sie mit Papas Hilfe dazu in einem Löffel konzentrierter Brühe gedünstet hat. Sie findet das Gemüse gar nicht so schlecht: „Der Spinat schmeckt fast nach nichts.“

Mein Sohn isst die Kartoffelwürfel. Mit Ketchup. Und will mehr. Den Lachs probiert er und sagt: „Für ein kleines Stückchen ist er okay, für mehr diesmal nicht.“ Beim Spinat weiß er schon vom Ansehen und vom Geruch, dass das diesmal nichts wird. Beide Kids gehören zu den Kindern, die Edith Gätjen „Supertaster“ nennt oder Tatje Bartig-Prang in ihrem gleichnamigen Buch „Picky Eaters“* (eine ausführliche Besprechung des Buches finden Sie hier). Kinder, die Gerüche und Aromen stärker wahrnehmen als ihre Altersgenossen. Und als wir Erwachsenen sowieso.

Es reicht manchmal auch, wenn Kinder gesehen haben, wie andere etwas essen

„Kinder müssen Lebensmittel nicht 20 Mal probieren, bevor sie wissen, ob es ihnen schmeckt“, relativiert Edith Gätjen einen Satz, den viele Eltern so schon gehört haben. „Sie müssen bis zu 20 Mal mit einem Lebensmittel Kontakt haben.“ Kontakt heißt: Sehen, riechen, anfassen oder sehen, wie andere es essen. „Der Mund ist das Intimste. Und kommt daher beim Probieren zuallerletzt. Ich vergleiche das gern mit der Eingewöhnung in der Kita: Das machen wir auch ganz langsam.“

Mein Sohn fragt sich stattdessen Wassermelone und isst sich satt. Und er möchte lernen, wie man Orangensaft selbst macht, schneidet mit Papas Hilfe begeistert die Früchte auf, presst sie aus und gießt alles durch ein Sieb, damit er diese „fiesen Fussel“ nicht im Mund hat. Und wieder haben wir neue Gerichte in unsere Familienpalette aufgenommen.

Viele Kinder lieben Obst oder Rohkost
Die meisten Kinder mögen Obst und Rohkost © istock

Die wichtigsten praktischen Tipps für eine entspannte Familienernährung in Kurzform:


  • Akzeptieren Sie, dass Ihr Kind Dinge einfach nicht probieren möchte. Sie wollen ja vielleicht auch nicht alles essen
  • Vermeiden Sie, das Essverhalten Ihres Kindes zu bewerten, vor allem in Gegenwart anderer. Statt von einem „wählerischen oder „schlechten Esser“ zu sprechen, stellen Sie lieber fest was Ihr Kind alles essen möchte.
  • Bieten Sie vitaminreiche Kost eher an mit dem Hinweis, welche Gefühle Sie damit verbinden als mit dem Adjektiv „gesund“

Vor allem aber sollten Sie versuchen, entspannt zu bleiben. Denn Essen ist doch eine der schönsten Sachen der Welt. Dabei möchte man auf gar keinen Fall streiten!

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