Länger haltbare Milch: Warum gibt es keine Frischmilch mehr?

Länger haltbare Milch: Warum gibt es keine Frischmilch mehr?
Es wird immer schwieriger, Frischmilch zu kaufen. Immer häufiger steht auf der Verpackung "länger haltbar"? Wie gesund ist diese Milch?

Ist länger haltbare Milch gesund?

Was erwarten Sie, wenn Sie „frische Milch“ kaufen möchten? Muss sie quasi frisch vom Kuheuter kommen? Darf Sie erhitzt worden sein? Wenn Sie die erste Frage mit „Ja“ und die zweite mit „Nein“ beantworten, muss ich sie enttäuschen. Denn die Frischmilch, die es im Handel zu kaufen gibt, ist immer mindestens auf 72, manchmal sogar auf 130 Grad erhitzt worden. So schreibt es das Gesetz vor, sonst wäre die Milch keine 3 Tage haltbar.

Es gibt drei verschiedene Frischmilch-Sorten

Bei der erhitzten Frischmilch unterscheidet man drei Sorten: Die „traditionell hergestellte“ und zwei verschiedene ESL-Milch-Sorten („extended shelf life“ engl. „länger haltbar“). Die traditionell hergestellte wird nur pasteurisiert, d.h. kurz auf 72 Grad erhitzt. Die ESL-Milch wird entweder auf 130 Grad erhitzt oder durch feine Filter gesiebt, um Bakterien zu verbannen, und danach wie frische Milch nur noch pasteurisiert. Beide Verfahren machen die ESL-Milch länger haltbar als die traditionelle Milch.

Kennzeichnung von Frischmilch irritiert viele

In vielen Discountern hat die ESL-Milch die Frischmilch mittlerweile total verdrängt. Dieser Wechsel ist aber still und heimlich erfolgt, so dass die meisten Kunden es gar nicht gemerkt haben. Man wunderte sich nur über die neuen Aufdrücke auf den Milchtüten wie „länger frisch“ oder „extra langer Frischegenuss“ und darüber, dass frische Milch auch nach Wochen noch gut ist.

Das Problem bei der Vielzahl der Frischmilch-Sorten ist die Kennzeichnung, die immer noch viele Lücken aufweist. Alle drei Sorten dürfen sich „Frischmilch“ nennen, obwohl sie unterschiedlich bearbeitet werden. Um die Lücken zu schließen, haben sich die Politik und die Hersteller 2009 auf eine neue freiwillige Kennzeichnung geeinigt. Sie soll helfen, echte Frischmilch von der ESL-Milch zu unterscheiden.

Klassische Frischmilch ist mit dem Zusatz "traditionell hergestellt" zu versehen. Und ESL-Produkte tragen den Zusatz "länger haltbar". Zudem soll auf das angewendete Herstellungsverfahren (Hocherhitzung oder Mikrofiltration) bei der ESL-Milch hingewiesen werden. Doch noch wird die freiwillige Kennzeichnung von nur wenigen Molkereien eingehalten. Um sich als Verbraucher beim Milchangebot besser zurechtzufinden, hilft ein Trick: Achten Sie auf das Haltbarkeitsdatum. Ist die Frischmilch länger als 5 bis 7 Tage haltbar, handelt es sich dabei um ESL-Milch.

Die „Frischmilch“ ist also nicht melkfrisch. Trotzdem ist sie gesund. Die Stiftung Warentest hat 24 Frischmilche – beide ESL-Milch-Sorten und traditionelle Frischmilch – getestet. Das Ergebnis: Auf allen Seiten gab es Sieger. Dreimal wurde die Note „sehr gut“ vergeben. Zwei mal für traditionell hergestellte und einmal für die ESL-Milch. Insgesamt überzeugte die filtrierte ESL-Milch am meisten. Sie ist schonend erhitzt und durch die Filtrierung frei von Mikroorganismen. Nur bei hocherhitzten ESL-Milchen gab es dreimal die Note 3. Sie wurden wohl intensiv erwärmt. In Sachen Geschmack entscheidet die Herstellungsart nicht über die Qualität. Ein leichter Kochgeschmack trat in allen Gruppen vereinzelt auf. In Sachen Nährwerte steht die länger haltbare Frischmilch der traditionellen im Nichts nach. Bei Kalzium fanden die Tester keine Unterschiede und bei den Vitaminen A und D und den B-Vitaminen schneidet die ESL-Milch kaum schlechter ab

Wer nun aber wirklich frische Milch direkt vom Bauern bevorzugt, sollte nach „Vorzugsmilch“ Ausschau halten. Nur sie darf laut Lebensmittelgesetz weder erhitzt, noch gefiltert, entfettet oder homogenisiert werden. Sie ist aber nur wenige Tage haltbar und in nur wenigen Geschäften zu finden.

Anja Corvin

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