Nahrungsmittelunverträglichkeit: Was steckt hinter der neuen Volkskrankheit?

So leichtfertig werden Unverträglichkeiten diagnostiziert!
So leichtfertig werden Unverträglichkeiten diagnostiziert! Laktose- oder Glutenunverträglichkeit - alles Einbildung? 00:09:03
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Nur drei bis vier Prozent der Deutschen haben eine Unverträglichkeit

Durchschnittlich jeder dritte Deutsche ist überzeugt, dass er eine Nahrungsmittelunverträglichkeit hat. Viele verzichten sogar vorsorglich auf Laktose, Fruktose oder Gluten. Und die Lebensmittelindustrie reagiert auf den Trend mit den passenden Lebensmitteln, die in der Regel deutlich teurer sind als herkömmliche Produkte. Doch wer braucht diese Produkte wirklich? Und wie viele Deutsche sind tatsächlich betroffen von einer Nahrungsmittelunverträglichkeit?

Wenn man sich in den deutschen Supermärkten umsieht, gewinnt man den Eindruck, dass ganz Deutschland auf mindestens einen Lebensmittelinhaltsstoff allergisch oder mit einer Unverträglichkeit reagiert. Doch woher kommt die übergroße Bereitschaft, viel Geld für Lebensmittel auszugeben, die frei sind von Gluten, Laktose und Co.?

Die Werbung für und die Präsenz von Lebensmitteln, die auf besondere Bedürfnisse zugeschnitten sind, erweckt scheinbar bei vielen Menschen den Eindruck, diese Produkte seien per se gesünder. Außerdem schließen immer mehr Menschen bei Beschwerden im Verdauungstrakt per Selbstdiagnose auf eine Nahrungsmittelunverträglichkeit und reduzieren die entsprechenden Lebensmittel – häufig, ohne einen Arzt zu konsultieren.

Ernährungsmedizinerin Monika Bischoff vom Zentrum für Ernährungsmedizin und Prävention (ZEP) in München erklärt, dass häufig weniger die Lebensmittel selbst als vielmehr unser hektischer Lebensstil schuld am Bauchgrummeln ist: "Ich esse viel zu schnell, trinke dann noch was dazu und habe Stress. Bei Bauchweh könnte ich schon denken, dass ich eine Unverträglichkeit habe, weil die Symptome die gleichen sind, die dann Beschwerden wie Blähungen oder Durchfall hervorrufen."

Intakte Darmflora beugt Unverträglichkeiten und Allergien vor

Eine der meist verbreiteten Unverträglichkeiten ist die auf Laktose in Milch. Jeder siebte Deutsche kann keine Laktase bilden. Folglich kann der Milchzucker nicht aufgespalten werden, so dass die Laktase unzerlegt in den Dickdarm gelangt. Dort sorgt er dann für Beschwerden wie Blähungen, Durchfall, Magenkrämpfe oder Übelkeit. Viele Lebensmittel-Hersteller haben schon darauf reagiert: Sie bieten Produkte an, die laktosefrei sind. Dabei bräuchten viele der entsprechenden Lebensmittel diesen Hinweis überhaupt nicht: Bei Hart- oder Schnittkäse beispielsweise ist die Aufschrift 'laktosefrei' überflüssig, da dieser von Natur aus keine oder so wenig Laktose enthält, dass ihn selbst Menschen mit Laktoseintoleranz vertragen. Streng genommen ist auch die Aufschrift 'laktosefrei' auf der entsprechenden Milch falsch, denn die Milch enthält Laktose. Allerdings wird ihr zusätzlich das Enzym Laktase zugesetzt, sodass die Milch besser verträglich ist.

Bei Laktose und Fruktose handelt es sich um klassische Unverträglichkeiten. "Apfelsaft und Milch geben eigentlich schnell Auskunft über eine Laktose- und Fruktose-Intoleranz", sagt Bischoff. Sie rät übrigens, bei einer Unverträglichkeit nicht ganz auf entsprechende Lebensmittel wie Milch und Milchprodukte oder Obst und Saft zu verzichten, sondern diese vielmehr in Maßen zu konsumieren.

Bei Gluten sieht es folgendermaßen aus: Der Körper reagiert in dem Fall auf das im Gluten enthaltene Klebereiweiß – und zwar ähnlich wie auf einen Infekt: Die Reiz-Zone ist erneut der Dünndarm. Der Körper bildet Antikörper, die das Gluten bekämpfen. Sie schädigen aber gleichzeitig auch die Dünndarm-Zotten. Folglich können wichtige Vitamine, Fette oder Mineralstoffe nur noch schwer von unserem Körper aufgenommen werden. Das Symbol mit der durchgestrichenen Ähre garantiert, dass das Produkt zu hundert Prozent glutenfrei ist.

Wer Allergien und Unverträglichkeiten vorbeugen will, muss seine Darmflora schützen. "Das ist relativ einfach und relativ günstig: Sauerkraut zum Beispiel oder Roggenbrot mit Sauerteig. Es gibt auch Hilfsmittel wie kleine probiotische Drinks", rät Bischoff. Wer diese Lebensmittel in Maßen isst, kann dank der darin enthaltenen Milchsäure-Bakterien eine kaputte Darmflora wieder aufbauen. Diese Bakterien können auch dafür sorgen, dass wir Unverträglichkeiten gar nicht erst bekommen.