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Bio für alle: Wie biologisch ist unsere Ernährung bereits?

„Bio boomt!“, eine knappe und klare Aussage, die in den letzten Jahren immer häufiger auf den Titeln der Zeitungen zu lesen oder in Reportagen und Nachrichten zu hören ist. In den Supermärkten findet sich mittlerweile zu fast jedem konventionellen Produkt eine Alternative, die sich in ein grünes Gewand hüllt und die Aufschrift „Bio“ trägt. Neben die wohlbekannten Bio-Eier gesellen sich nun auch Bio-Pommes und Bio-Gummibärchen. Und sogar vor dem Sortiment der Discounter macht der „Öko-Trend“ nicht Halt. Doch was steckt eigentlich hinter den Verpackungen, Siegeln und Etiketten, die scheinbar großen Absatz finden und uns ... ja, was eigentlich ... versprechen?

"Bio beginnt im Kopf"

Am Rande einer Veranstaltung zum Thema Lebensmittelverschwendung treffen wir den Bio-Bauern Heinz Bursch. Der Rheinländer betreibt bereits in zweiter Generation biologische Landwirtschaft und ist deshalb genau der Richtige um uns die Frage zu beantworten, was „Bio“ denn nun bedeutet. Für den Betreiber eines eigenen Hofladens ist dies zunächst einmal eine Frage der Einstellung. „Bio beginnt im Kopf“ stellt er klar und beißt beherzt in einen Apfel.

 

Die Europäische Union hat da eine ganz konkrete Vorstellung. Im Januar 2009 tritt die überarbeitete Verordnung zur Produktion und Kennzeichnung von Bioprodukten in Kraft, die mit der Einführung des EU-Bio-Logos im Juli 2010 auch Einzug in die Warenhäuser erhält. Angestrebtes Ziel war es, das Vertrauen der Verbraucher zu schützen, indem ein Siegel dafür garantiert, dass man weiß, was in die Tüte kommt. Darunter fallen laut Basisverordnung die Lebensmittel, die u.a. ohne den Einsatz von Gentechnik, Antibiotika, chemisch-synthetischer Mittel oder bestimmter Zusatzstoffe auskommen. Hier bedeutet biologisch also, „dass das landwirtschaftliche System so natürlich wie möglich funktioniert“.

Auch bei Bauer Bursch geht es natürlich zu. Burschs Vater, von dem er vor über 20 Jahren den Hof übernommen hat, war einer der ersten Landwirte, der verschiedene Pflanzenschutzmittel einsetzte, um den Anbau von Kohlrabi, Karotte und Co. voranzutreiben. Früh erkannte der jedoch, dass es sich dabei um eine Milchmädchenrechnung handelt. Er war überzeugt, damit lediglich die Symptome zu bekämpfen, nicht aber das Problem bei der Wurzel zu packen. Schließlich stellte er den Hof auf eine biologische Landwirtschaft um, also auf eine, die ohne chemische Hilfsmittel auskommt, und erreichte mit ein wenig Geduld beste Resultate. Für Heinz Bursch, der diese Art des Anbaus übernommen hat, gilt deshalb bis heute das Motto: „Die Natur verstehen und unterstützen“. Sämtliche Erträge des Bauern fallen somit auch unter den europaweit geregelten Öko-Maßstab. Und trotzdem setzt der Rheinländer vor allem auf ein anderes als das EU-Siegel. Er schloss sich dem Demeter-Bund an, ein Verein, der sich für eine biodynamische Wirtschaftsweise einsetzt.

Skandale verstärken das größer werdende Problem-Bewusstsein

Doch das Bedürfnis nach einer Regulierung dessen, was unter der Bezeichnung „Bio“ über die Ladentheke geht, kommt nicht von ungefähr. Die wachsende Bio-Produktpalette, die nun nicht länger nur in Reformhäusern erhältlich ist, ist vor allem Ergebnis eines immer größer werdenden Verlangens nach Erzeugnissen mit dem Öko-Label. Nach Angaben des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz ist die weltweite Nachfrage nach Bioprodukten innerhalb von zehn Jahren um ein Dreifaches gestiegen. Neben einem zunehmenden Bewusstsein für die Umwelt und für das Thema Nachhaltigkeit spielen auch die regelmäßig auftauchenden Lebensmittelskandale eine große Rolle. Gammelfleisch, Dioxin-Eier und Antibiotika-Geflügel kursieren immer wieder in den Medien und lösen einen regelrechten Run auf Erzeugnisse aus ökologischer Landwirtschaft aus.

 

Auch Heinz Bursch macht seine Erfahrung mit der wachsenden Bio-Kauflust. In seinem Hofladen besuchen ihn immer häufiger junge Mütter, die ihre Kinder vor den Gefahren der Lebensmittelindustrie bewahren wollen. Für den Landwirt ist diese Entwicklung mehr als nur ein Trend. Er glaubt fest daran, dass auch in Zukunft immer mehr Menschen auf chemische Zusatzstoffe, Antibiotika oder Pflanzenschutzmittel verzichten wollen und vermehrt beim Bauern in der Umgebung kaufen oder auf die Öko-Alternativen in den Supermarktregalen zurückgreifen.

Bio für alle: Dafür braucht es vor allem Platz

Drängt sich unweigerlich die Frage auf, ob das überhaupt funktioniert – Bio für alle. Lebensmittel die unter den Maßgaben einer ökologischen Landwirtschaft angebaut werden, brauchen schließlich vor allem eines: Platz. Ein Bio-Schwein benötigt eine mindestens doppelt so große Stallfläche wie ein konventionell gehaltenes Tier. Dazu kommt eine Auslauffläche im Freien. So lange konventionelle Betriebe nicht umrüsten und weiter bestehen bleiben, bräuchte es rund 10 000 neue Öko-Betriebe um den Bedarf an Bio-Produkten in Deutschland zu decken, so der Bund für ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Nun ja, wo kommen dann all die Produkte her, die zumindest ein EU-Bio-Logo auf der Verpackung haben?

 

Der Rheinländer Bursch ist überzeugt, dass hier vor allem Erzeugnisse aus dem Ausland auf unseren Tellern landen. Eine Aussage, die das Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in einer Analyse bestätigen kann. Danach werden zum Beispiel rund 80% der Tomaten und 90% der Paprika importiert, was vor allem daran liegt, dass die in Deutschland zwar ganzjährig angeboten, nicht aber angebaut werden. Doch selbst bei den robusteren Möhren liegt die Importrate noch bei fast 50%, da den Landwirten für das absatzstärkste Gemüse nicht mehr Fläche zur Verfügung steht. Obwohl ein Großteil dieser Produkte nicht mal aus dem europäischen Ausland kommt, tragen sie dennoch das EU-Bio-Logo. Denn für Äpfel oder Bananen aus Drittländern gilt, dass auch sie ein Siegel tragen dürfen, sofern sie unter denselben Bedingungen wie Bio-Lebensmittel in Europa angebaut werden. Fraglich ist jedoch, ob die Kontrollen zur Überprüfung dieser Standards in Entwicklungs- oder Schwellenländern genauso funktionieren wie in Deutschland. Und auch wenn der Landes-Ökobericht bestätigen kann, dass etwa 95% der Stichproben aus dem Handel die Kriterien für das Bio-Siegel erfüllen, bleibt es wohl an uns selbst zu beurteilen, was wirklich „bio“ ist und wie „bio“ eine Aubergine sein kann, die mit dem Flugzeug um die halbe Welt geflogen ist, ehe sie samt Siegel im deutschen Gemüsesortiment landet.

 

Lara Schwarzkamp

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