Atom-Alarm: Sind auch Lebensmittel in Deutschland verseucht?

Atom-Alarm: Sind auch Lebensmittel in Deutschland verseucht?
© dpa, Julian Stratenschulte

Verseuchter Spinat, verstrahlte Milch - in Japan geht die Angst vor verstrahlten Lebensmitteln um. Aber nicht nur dort, sondern auch hier in Deutschland fragen sich viele Menschen: Wie sicher ist unsere Nahrung? Welche Lebensmittel sind möglicherweise belastet? Und wie lässt sich eine atomare Bestrahlung messen?

Tagelang hieß es seitens der japanischen Regierung, die Angst der Bevölkerung vor verseuchten Lebensmitteln sei unbegründet. Mittlerweile sieht die Lage anders aus: Für vier Präfekturen (Landkreisen) in der Krisenregion hat die Regierung ein Lieferverbot für Milch und verschiedene Gemüsesorten verhängt. Bei Hitachi – rund 100 Kilometer südlich des AKW Fukushima - wurde bei Spinat ein Jod-131-Wert von 54.000 Becquerel (Grenzwert: 2000 Becquerel) und ein Cäsium-Wert von 1931 Becquerel (Grenzwerrt: 500 Becquerel) je Kilogramm gemesssen. Besonders betroffen vom Lieferstopp für Spinat ist die Präfektur Ibaraki: Auf den großen Gemüsemärkten Tokios kommen 30 Prozent des gesamten Spinatangebots aus dieser Region. Die WHO forderte Japan dazu auf, stark radioaktiv belastete Lebensmittel unverzüglich aus dem Handel zu nehmen.

Bei Milch aus der Umgebung des Krisengebietes wurde der Grenzwert teilweise um das 17-Fache Überschritten. In neun Regionen wurden Spuren von radioaktivem Jod in Trinkwasser gefunden, darunter auch in Tokio. So haben beispielsweise die Messungen in Iitate, einem rund 60 Kilometer südwestlich des Unglücksreaktors von Fukushima liegenden Dorf, Werte von 965 Becquerel Jod pro Liter Leitungswasser ergeben. Der Grenzwert liegt bei 300 Becquerel. Nun hat die Regierung die Bevölkerung aufgefordert, kein Leitungswasser mehr zu trinken. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist über die Belastung von Lebensmitteln „stark besorgt“, so ein Sprecher in Genf. Noch in der vergangenen Woche hatte die WHO die Strahlensituation als nicht besorgniserregend eingestuft.

Nun wurden in Taiwan radioaktiv belastete Bohnen aus Japan entdeckt. Bei einer Ladung von 14 Kilogramm Bohnen aus Kagoshima im Süden Japans seien erhöhte Strahlenwerte gemessen worden. Damit wurden erstmals seit dem Atomunglück belastete Lebensmittel im Ausland gefunden. Nicht zuletzt diese Meldung schürt die Ängste der Menschen weltweit. Viele fragen sich, ob es nur eine Frage der Zeit ist, bis auch bei uns verseuchte Lebensmittel auftauchen.

Sind auch Lebensmittel in Deutschland von der Strahlung betroffen?

Bereits vor dem Erdbeben machte der Anteil der aus Japan nach Deutschland importierten Lebensmittel nur 0,1 Prozent aus. Importiert werden vor allem Würzsoßen, Ingwer, getrocknete Shiitake-Pilze, Nori-Algen, grüner Tee und Reis. Fisch und Fischprodukte spielen mit nur 60 Tonnen pro Jahr eine vergleichsweise geringe Rolle. Zum Vergleich: Insgesamt wurden 2010 aus allen exportierenden Ländern 900.000 Tonnen Fisch nach Deutschland eingeführt.

Durch die Kühlung der Reaktoren ist auch das Meerwasser mit radioaktivem Jod und Casium belastet. Viele Menschen haben nun die Befürchtung, dass die Strahlung dadurch in die weltweite Nahrungskette eingespeist werden könnte. Brisant könnte diese Tatsache dann werden, wenn der Wind die radioaktive Luft gen China treibt. Von China bezieht Deutschland nämlich deutlich mehr Nahrungsmittel als aus Japan. Ansonsten geben die Forscher Entwarnung: Falls radioaktive Stoffe wie Cäsium in den Pazifik gelangen, so wird dieses sehr schnell im Wasser verdünnt. Laut deren Prognosen wird nach spätestens 12 Monaten keine Kontamination der Fischbestände mehr messbar sein.

Alles, was derzeit aus Japan verfügbar und in den Läden ist, stammt aus der Zeit vor der Reaktorkatastrophe. Die Lebensmittel werden per Schiff transportiert und die Transferzeit beträgt etwa vier Wochen.

Falls Sie auf Nummer sicher gehen wollen: Fisch und Fischprodukte aus Japan sind stets gekennzeichnet und erkennbar an der Nummer 61. Shiitake-Pilze werden zu 98 Prozent in Deutschland gezüchtet. Die Rest stammt meist aus China. Darüberhinaus werden die Pilze im Treibhaus gezüchtet.

Die Zollbehörden an Häfen und Flughäfen sind außerdem angewiesen, Importe aus Japan mittels Geigerzähler auf Strahlenbelastung hin zu überprüfen.

Atom-Alarm: Sind auch Lebensmittel in Deutschland verseucht?
© dpa, Jan Woitas

Verstrahlte Lebensmittel stellen in jedem Fall eine größere Gefahr dar als radioaktive Partikel in der Luft. Das liegt daran, dass sich die Partikel aus Nahrungsmitteln im Körper anreichern. Die radioaktiven Stoffe gelangen über die Böden in die essbaren Pflanzenteile. Vor allem im Boden wachsende Pflanzen wie Pilze, Spargel und Kartoffeln nehmen radioaktiv strahlende Stoffe auf. Werden sie von Mensch oder Tier verzehrt, gelangen sie direkt oder über die Nahrungskette in den Körper. In die Milch gelangt die Radioaktivität über über das Futter der Kühe.

Mit der Entfernung vom Unglücksort des Atomunfalls nimmt auch die Radioaktivität ab. Über weite Strecken zerfallen freigesetzte radioaktive Stoffe außerdem mit der Zeit. Je größer die Entfernung, desto geringer ist also die Schädlichkeit für Ihre Gesundheit und die Umwelt. Sie müssen in Deutschland also nicht mit einer Gefährdung rechnen. Seriöse Prognosen können allerdings noch nicht getroffen werden.

Die Symptome der Strahlenkrankheit

Die Gefahr für Mensch und Tier besteht durch das Einatmen und die äußere Bestrahlung durch radioaktive Partikel in der Luft. Durch die sogenannte ionisierende Strahlung können einzelne Bausteine der DNA in den Zellen geschädigt werden. Nicht immer kann der Körper DNA-Schäden reparieren oder veränderte Zellen abbauen.

Im Falle einer Verstrahlung kommt es zu verschiedenen Erkrankungen, deren Grad von der Höhe der Strahlenbelastung abhängt. Erste Symptome sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Eine leichte Verstrahlung hat ein wochenlanges Unwohlsein zur Folge. Das Immunsystem ist in diesem Fall dauerhaft geschädigt, mit einer großen Anfälligkeit für Infektionskrankheiten ist lebenslang zu rechnen.

Im nächsten Umfeld des Unglücks ist bereits innerhalb weniger Stunden und Tage mit gesundheitlichen Schäden zu rechnen. Eine schwere Verstrahlung hat akute Auswirkungen: Haarausfall, Blutungen und Kreislaufversagen bis zum sofortigen Tod sind die Folgen. Weitere Krankheiten können sich erst Jahre nach der Verstrahlung in Form von Leukämie (Blutkrebs) und Knochenkrebs zeigen.

Tödlich: Freigesetzte radioaktive Stoffe von Jod, Cäsium, Strontium und Plutonium

Zwei radioaktive Stoffe sind für den Körper besonders schädlich: Zum einen ist es radioaktives Jod, das eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden kann und sich in der Schilddrüse festsetzt.

Zum anderen ist es das radioaktive Cäsium, das in jede Zelle des Körpers dringt und sich an Zellteilungsprozessen beteiligt. Die freigesetzten radioaktiven Stoffe von Cäsium sind im Gegensatz zu denen von Jod besonders langlebig. Sie haben eine Halbwertszeit (Zeit, in der die Hälfte der Radioaktivität abklingt) von bis zu 30 Jahren. Bei Jod sind es bis zu acht Tage.

Genauso gefährlich sind Strontium und Plutonium. Sie sind allerdings nicht so flüchtig wie Jod und Cäsium, das heißt, sie verteilen sich nicht so enorm in der Luft. Bereits kleinste Mengen von Strontium und Plutonium reichen aus, um Mensch und Umwelt für Jahrzehnte zu schädigen. Strontium verteilt sich in allen Zellen und setzt sich besonders in den Knochen fest. Plutonium wird hauptsächlich über Staubpartikel eingeatmet und lagert sich in der Lunge, den Knochen, den Nieren und der Leber ab.

Jod-Tabletten schützen vor Verstrahlung durch radioaktives Jod

Durch die rechtzeitige Einnahme von Jod-Tabletten können sich Betroffene vor der Verstrahlung durch radioaktives Jod schützen. Ist die Schilddrüse einmal gesättigt, nimmt sie kein Jod aus der verstrahlten Umgebung mehr auf. Aber: Hochdosierte Jod-Tabletten können das Risiko für Schilddrüsenerkrankungen erhöhen.