Türkische Spezialitäten: Das kommt beim türkischen Familienfest auf den Tisch

Türkische Spezialitäten: Das isst man beim türkischen Familienfest
Beim türkischen Familienfest kommen jede Menge türkische Spezialitäten auf den Tisch © hg_media - Fotolia

Türkische Spezialitäten kennenlernen

Erstes Zeichen: Das Telefon klingelt. Nachdem meine Mutter aufgelegt hatte, kommt sie in mein Zimmer. „Kizim, steh auf! Morgen kommen meine Geschwister zu Besuch, da du ja letzte Woche deinen kleinen Finger verletzt hattest.“ Gott sei Dank kann sie meine Gedanken nicht lesen. Woher haben die bloß erfahren, dass ich mich verletzt habe? Und es war doch nur ein Kratzer. Schön und gut, dass sie mir gute Besserung wünschen möchten. Aber kann man das nicht auch am Telefon kundtun? Wieso können wir denn nicht wie bei deutschen Familien einfach nur Kaffee und Kuchen servieren?

Jetzt müssen nämlich gleich wieder 78 verschiedenen Gerichte auf den Tisch. Nun gut, nicht ganz so viele, aber uns Türken liegt die Übertreibung halt im Blut …

Versteht mich nicht falsch, ich liebe meine Familie und ich liebe diesen Zusammenhalt, den wir an den Tag legen. Viele bewundern diese Loyalität, die wir füreinander haben. Dennoch kommt es mir immer öfter so vor, als würden wir Türken nur nach einem Grund suchen, um die zwei wichtigsten Grundpfeiler unserer Kultur zu zelebrieren: Essen und Zusammensitzen.

Es hilft alles nichts. Also fahren Mutter und ich los, um die notwendigen Einkäufe zu erledigen. Schließlich wird das Ganze ja meinetwegen veranstaltet.

Die Gäste werden überschwänglich gastfreundlich empfangen und natürlich wird gleich etwas zu trinken angeboten. Stilles Wasser, Mineralwasser, verschiedene Säfte, Softdrinks. Darauf folgt traditionell ein gefühlt 100 Stunden langes Gespräch, bevor dann alle am Esstisch Platz nehmen. Ich erschrecke, als ich ein sehr lautes, rumpelndes Geräusch wahrnehme, bis mir klar wird, dass dieses Geräusch aus meiner Magengegend kommt. Ich habe ja auch seit dem Frühstück nichts gegessen. Natürlich meine ich die Gäste mit „am Tisch Platz nehmen“. Denn meine Mutter und ich müssen ja die 78 Gerichte auftischen und Pide verteilen. Während Papa die Gäste mit Wein oder Rakı versorgt. Natürlich in Maßen, wir sind ja Muslime …

Diese türkischen Spezialitäten kommen auf den Tisch

Erst einmal tischen wir die kalten Vorspeisen (Meze) auf. Bei diesen Vorspeisen handelt es sich um: Cacık, Hummus, Baba Ganouj (Patlıcan salatası), Çoban salatası, Yeşil zeytin salatası, Turşu, Çiğ Köfte und Haydari.

Dann servieren wir eine heiße Suppe, meistens Mercimek çorbası. Während die Gäste die Suppe „trinken“, das sagt man im Türkischen so, stellen wir die Hauptspeisen auf den Tisch. Dazu gehören: Tepside et, Pilav, Sebzeli Tavuk, Lahana sarması, Yaprak sarması, Izgara Çipura, Içli Köfte, Patlıcan, Biber ve Kabak dolması und natürlich das türkische Nationalgericht Kuru fasülye.

Sechs Stunden später (bitte haltet euch immer wieder die Übertreibung á la Türken vor Augen) stehen die Frauen auf und helfen beim Abräumen. Währenddessen kann ich kurz in mein Zimmer hoch rennen und eine Zigarette aus dem Fenster rauchen. Bevor ich mich wieder zu den Gästen geselle, versuche ich, mit etlichen herumstehenden Gegenständen den Zigarettengeruch zu  überdecken. Diesen Geruchsverminderungsvorgang kann man übrigens auch hervorragend in der Frauentoilette auf einer türkischen Hochzeit beobachten.

Nachdem auch die letzten Überreste vom Abendessen abgeräumt wurden, haben die Frauen in der Küche natürlich schon den nächsten Anschlag auf die Männer vorbereitet. Also ich bitte euch, dachtet ihr, türkische Männer trinken Rakı (auch Löwenmilch genannt, da es mit Wasser verdünnt eine milchähnliche Farbe erhält und weil jeder, der davon ein paar Gläser getrunken hat, sich wie ein Löwe fühlt), ohne in irgendetwas rumstochern zu können? Deswegen wird den Männern jetzt ein Cocktail aus verschiedenem Knabberzeug serviert, auch Çerez genannt. Um ins Detail zu gehen: Zum Çerez gehören Pistazien, Kichererbsen, Sonnenblumenkerne, geröstete Haselnüsse und geröstete Kichererbsen im Teigmantel. Dann folgt ein Teller mit Schafskäse, Tomaten und Gurken. Das alles in sehr dünnen Scheiben geschnitten. Auch Süzme Yoğurt (eine Art Sahne Joghurt) darf zu einem schönen Glas Rakı nicht fehlen.

Sobald die Frauen ihren Männern ein zufriedenes Lächeln aufgesetzt haben, setzten sie sich ins Wohnzimmer und trinken Nescafé (so nennen die Türken den deutschen Kaffee, als ob es nur das eine deutsche Kaffeepulver gibt), türkischen Kaffee oder eben klassichen Çay, den türkischen Schwarztee, der immer getrunken wird, morgens, mittags oder abends. Manche stehen sogar nachts auf, trinken Çay und gehen wieder schlafen. Sprich: Bei manchen ist es schon zu einer Art Sucht geworden.

Ich serviere also die Süßspeise Künefe, und wer hätte es gedacht, es bleibt auch beim Dessert nicht nur dabei. Auch unsere verehrten Gäste haben etwas Süßes mitgebracht. Nach einem sehr essfreudigen Abend kommen zu guter Letzt noch paar Schalen Obst auf den Tisch. Feigen, Trauben Wasser- und Honigmelonen spielten dabei die Hauptrollen.

Nach einem sehr schönen Abend, kulinarisch schön aber auch aus der Klatsch-und-Tratsch-Sicht, wird es Zeit, sich zu "verabschieden". Wieso ich "verabschieden" in Anführungszeichen setze? Weil es sich dabei nicht um die feine englische Art der Verabschiedung handelt. Nein, nein.

Wie vorhin schon erwähnt, kommen sich manche durch Rakı-Trinken wie Löwen vor. Und was tun Löwen für gewöhnlich, wenn sie etwas durchsetzen möchten? Sie brüllen. Es kommt mitten im Flur zu einer langen Debatte, die nach der ganzen Schlemmerei von 78 Gerichten natürlich etwas erhitzt ist. Aber alle haben nur das eine, hehre Ziel: Sie wollen durchsetzen, dass sie nächste Woche als Gastgeber fungieren dürfen.

Und nicht nur meine Ohren leiden an diesem Geräuschpegel, sondern auch in der Nachbarschaft sorgt es für Unruhe. Aber es liegt einfach in unserer Natur. Wir werden mit diesem Rumschrei-Gen geboren. Na, dann bin ich mal gespannt, aus welchen Anlass wir nächste Woche zum Essen gehen.

Esra Gülbahar

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