Tipps für eine relaxte Runde

Familienküche: So nehmen Sie beim Essen den Druck raus

Das Thema Essen entspannt angehen - so gelingt's
Das Thema Essen entspannt angehen - so gelingt's © iStockphoto

Wenn nicht alle alles essen möchten, gibt's in den besten Familien Zank

Das eine Kind mag dies nicht, das andere das nicht und das Gemüse essen Sie am Ende immer selbst? Willkommen im Club! Doch das ist kein Grund zum Verzweifeln. Wer’s mit unseren Tipps entspannt angeht, bekommt am Ende alle satt und groß. Und hat weniger Stress in der Küche und am Esstisch.

von Mireilla Zirpins

Kindern wird die Schuld in die Schuhe geschoben, wenn es Zoff ums Essen gibt

Ernährungswissenschaftlerin Edith Gätjen („Lotta lernt essen“*) ärgert es, dass den Kindern die Schuld in die Schuhe geschoben wird, wenn es Streit ums Essen gibt. Ihrer Erfahrung nach ist die Angst der Erwachsenen, dass die Kids nicht genug essen, oft unbegründet: „Eltern schauen oft nur, was ihre Kinder bei den Hauptmahlzeiten essen.“ Dass Snacks auch mitzählen, haben ihrer Erfahrung nach viele Erwachsene gar nicht auf dem Schirm: „Wenn wir uns anschauen, was die Kinder insgesamt am Tag zu sich nehmen, sind sie oft gar keine so ‚schlechten‘ Esser“, weiß die Oekotrophologin aus ihrer langjährigen Beratungspraxis.

Dass Eltern Angst haben, ihre Kinder äßen nicht genug oder das Falsche, ist in ihren Augen ein eher junges Phänomen der letzten 20 bis 25 Jahre. „Bei uns zuhause gab es drei Mahlzeiten. Bei allen dreien hatten wir Hunger“, ergänzt sie – eben weil es zwischendurch nichts gab. „Heute geht eine Mutter mit ihrem einjährigen Kind für anderthalb Stunden einkaufen oder auf den Spielplatz und hat einen ganzen Rucksack voll dabei – mit Äpfelchen, Dinkelstangen und Reiswaffeln.“

Ein ausführliches Interview mit Edith Gätjen lesen Sie hier

Die gute Nachricht also für alle Eltern: „Schlechte Esser“ gibt es nicht. Kinder wissen, wann sie Hunger haben und wann sie satt sind. Grund zur Sorge besteht vor allem, wenn das Kind sich nicht altersgerecht entwickelt, etwa wenn es stark untergewichtig ist oder sehr langsam wächst.

Die besten Tipps für entspannte Familienessen


  • Lassen Sie abklären, ob nicht eine selektive Essstörung dahintersteckt (hier erfahren Sie mehr dazu). Vielleicht spürt Ihr Kind aber auch, dass ihm bestimmte Lebensmittel nicht bekommen. Ernährungsberaterin Edith Gätjen berichtet: „Wir erleben Kinder, die mit acht oder neun Monaten vehement den Milchbrei ablehnen, den Kopf wegdrehen. Die haben oft eine Milcheiweißallergie.“ Eine blasse Hautfarbe kann auf Eisenmangel hindeuten oder eine Zöliakie, die oft auch mit einer Wachstumsverzögerung einhergeht. (Checkliste: Diese Symptome deuten auf eine Zöliakie hin)

  • Akzeptieren Sie, dass Ihr Kind Dinge einfach nicht essen möchte. Sie wollen ja vielleicht auch nicht alles essen oder haben selbst Eltern oder Freunde, die wählerisch sind. Wenn Erwachsene nicht asiatisch essen, weil sie Angst haben, es sei zu scharf oder es ihnen einfach zu exotisch ist, ist das gesellschaftlich auch akzeptiert.

  • Vitamine, die in Gemüse oder Salat enthalten sind, kann Ihr Kind auch woanders bekommen, zum Beispiel in Form selbstgemachter Smoothies.

  • Vermeiden Sie, das Essverhalten Ihres Kindes zu bewerten, insbesondere vor anderen. Statt zu von einem „schlechten“ oder „wählerischen“ Esser zu sprechen, können Sie feststellen, was Ihr Kind alles isst. Das ist wahrscheinlich mehr, als Sie im ersten Moment dachten.

  • Lassen Sie die Kinder immer wieder probieren – zum Beispiel den Unterschied zwischen einer frischen Möhre aus dem Garten oder vom Bauernhof und einer aus dem Supermarkt. Aber nur, wenn sie Lust dazu haben. Tipps und Rezepte für saisonale Gerichte für Eltern und Kinder finden Sie in Edith Gätjens „Das geniale Familienkochbuch“ und einem zweiten Kochbuch aus der Serie mit vegetarischen Rezepten.

  • Nicht verzagen, wenn die Geschmackspalette Ihres Kindes nicht riesig ist: Wenn Sie es aushalten, kochen Sie Ihrem Kind wochenlang Spaghetti Bolo, wenn es dann gern am Tisch mitisst. Sie können aber gern mit gutem Vorbild vorangehen und mehr und zur Bolo mehr Angebote auf den Tisch stellen, von den Sie dann vor den Augen Ihres Kindes essen – zum Beispiele eine Bolo, in der auch Gemüsewürfelchen stecken oder Rohkost, die man als Vorspeise knabbern kann. „Die meisten Kinder mögen Gemüse als Rohkost“, berichtet Edith Gätjen.

  • Aber: Kinder können sich etwas wünschen, das heißt aber nicht, dass Sie es auch für sie kochen. Vergessen Sie nicht, dass Sie der Chef sind – auch in der Küche.

  • Akzeptieren Sie es, wenn Ihr Kind herausschmeckt, dass Sie versucht haben, Gemüse in der Soße zu verstecken. „Kinder schmecken generell intensiver als Erwachsene“, weiß Ernährungsberaterin Edith Gätjen. Und manche Kinder stärker als andere. „Ich bezeichne diese Kinder gern als Supertaster.“

  • Binden Sie die Kinder beim Einkaufen ein. Machen Sie sich aber vorher einen Essensplan und eine detaillierte Einkaufsliste. Mit Kind(ern) wird’s schnell wueselig im Supermarkt, dazu betteln sie gern.

  • Beim Kochen können die Kids ebenfalls gern selbst aktiv werden – auch Vor- oder Grundschulkinder können unter Aufsicht schon mit mit dem Messer oder am Herd hantieren. Tipps gibt’s zum Beispiel im Buch „1 x kochen für ALLE“ von Julia Radtke

  • Bieten Sie vitaminreiche Kost eher mit dem Verkaufsargument „lecker“ an oder teilen Sie ihre persönlichen Erfahrungen mit diesen Lebensmitteln, rät Edith Gätjen – das perfekte Marketing, damit die Banane nicht mit ebenfalls „gesunden“ Blumenkohl in Verbindung gebracht wird, an den Ihr Kind vielleicht keine guten Erinnerungen hat

  • Versuchen Sie es stückchenweise, statt einen klaren Cut zu machen. Ihr Kind wird Broccoli eher auf einer Pizza oder im Kartoffelpüree probieren als in einer große Solo-Portion. Von der Schorle entwöhnen Sie ihr Kind, in dem sie langsam, aber stetig den Wasseranteil erhöhen. Praktische Tipps dazu finden Sie Tatje Barti-Prangs Ratgeber „Picky Eaters“*

Ihr Kind will kein Gemüse essen? Dann isst es eben keins

Mein siebenjähriger Sohn (Team Hackfleisch und Fischstäbchen) isst Kartoffeln. Punkt. Aber warum mache ich mir trotzdem Gedanken, wenn er kein Gemüse isst? „Dann isst er keins“, sagt Edith Gätjen energisch. Warum muss ich an die Pyramide der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) denken, wenn er die Möhrenstücke aus den Linsen fischt – und an die mahnenden Blicke anderer Muttis auf dem Spielplatz, weil unser Kind die Gemüsesticks verschmäht, die seine Altersgenossen auf dem Spielplatz futtern? Edith Gätjen weiß um den Druck, den Eltern, insbesondere Mütter verspüren: „Wir haben Sorge um unser Kind, möchten es nähren und versorgen. Und wir möchten es gut machen.“

Gut machen heißt für die Ernährungsexpertin: Die drei Portionen, also drei Kinderhändchen voll Gemüse und zwei Portionen Obst aus der Ernährungspyramide anbieten und gucken, was passiert. Sie empfiehlt übrigens, den Kindern das Gemüse mit anderer energiereicher Kost anzubieten. Und nicht auf gekochtem Gemüse bei den Hauptmahlzeiten zu bestehen. „Rohkost snacken und knabbern fast alle Kinder gerne. Bei der Rohkost haben sie nie das Gefühl, satt werden zu müssen. Das ist bunt, macht Knack und gibt ein bisschen Flüssigkeit.“

Es ist okay, nicht alles essen zu wollen

Insgesamt drei Haupt- und ein bis zwei Zwischenmahlzeiten sollten es sein mit klarem Anfang und Ende sowie mindestens zwei Stunden Abstand zueinander. „Sie als Eltern sagen, wann es was zu essen gibt, was es zu essen gibt und wie es das gibt. Und ihr Kind, ob es etwas davon essen möchte und wie viel es davon essen möchte. Und für beide Parteien gilt: ein Nein ist ein Nein.“

Und ein „Nein“ heißt auch: nicht probieren müssen. „Never ever! Der Teller ist privat, der Mund intim“, fordert Edith Gätjen in unserem Interview, das Sie hier in ausführlicher Form lesen können. Ja, vielleicht biete ich manchmal zu offensiv Essen an, auch wenn ich es nicht auf den Teller meiner Kinder lege und sie niemals zwingen würde zu kosten. Denn ich habe Verständnis für meine Kinder, habe sie tapfer vor Erzieherinnen verteidigt, die es mit Anleck- oder Schluck-Zwang versuchten.

Meine Schwester und ich waren nämlich exakt genauso. Sorry, Mama und Papa! Und eigentlich sollte ich mich ja jetzt entspannt zurücklehnen und mir sagen, dass in schätzungsweise 20 Jahren aus meinen beiden Süßen genauso entspannte Esser werden wie ihr Papa (früher war Fleisch sein Gemüse), meine Schwester und ich. Aber ich muss den beiden ja jetzt mehrfach täglich was auftischen, möchte nicht am nächsten Tag die Reste essen und hektisch während meiner Mahlzeit noch etwas anderes herbeischaffen.

Gemeinsam in Kochbüchern blättern macht den Kids Lust

Wir holen uns Inspiration in verschiedenen Kochbüchern. Und ich beziehe meine Kinder dabei aktiv ein. Beide lieben es, wenn wir gemeinsam auf dem Sofa lümmeln und die Bilder anschauen. Sie wissen sehr gut, was sie ansprechen könnte und verteilen fleißig bunte Lesezeichen-Sticker. Das heißt nicht, dass sie es dann auch probieren oder essen. Der Sticker heißt: Mama, damit kannst du es bei mir mal versuchen.

Und tatsächlich hat meine Neunjährige Lust, selbst aktiv zu werden. Sie kocht den mit Honig glasierten Lachs aus „Iiiiih war gestern“, schneidet dazu selbst Kartoffeln in Würfel und brät sie in der Pfanne kross. Und sie probiert ganz auf eigene Initiative Blattspinat, den sie mit Papas Hilfe dazu in einem Löffel konzentrierter Brühe gedünstet hat. Sie findet das Gemüse gar nicht so schlecht: „Der Spinat schmeckt fast nach nichts.“

Mein Sohn isst die Kartoffelwürfel. Mit Ketchup. Und will mehr. Den Lachs probiert er und sagt: „Für ein kleines Stückchen ist er okay, für mehr diesmal nicht.“ Beim Spinat weiß er schon vom Ansehen und vom Geruch, dass das diesmal nichts wird. Beide Kids gehören zu den Kindern, die Edith Gätjen „Supertaster“ nennt oder Tatje Bartig-Prang in ihrem gleichnamigen Buch „Picky Eaters“. Kinder, die Gerüche und Aromen stärker wahrnehmen als ihre Altersgenossen. Und als wir Erwachsenen sowieso.

Es reicht manchmal auch, wenn Kinder gesehen haben, wie andere etwas essen

„Kinder müssen Lebensmittel nicht 20 Mal probieren, bevor sie wissen, ob es ihnen schmeckt“, relativ Edith Gätjen einen Satz, den viele Eltern so schon gehört haben. „Sie müssen bis zu 20 Mal mit einem Lebensmittel Kontakt haben.“ Kontakt heißt: Sehen, riechen, anfassen oder sehen, wie andere es essen. „Der Mund ist das Intimste. Und kommt daher beim Probieren zuallerletzt. Ich vergleiche das gern mit der Eingewöhnung in der Kita: Das machen wir auch ganz langsam.“

Mein Sohn fragt sich stattdessen Wassermelone und isst sich satt. Und er möchte lernen, wie man Orangensaft selbst macht, schneidet mit Papas Hilfe begeistert die Früchte auf, presst sie aus und gießt alles durch ein Sieb, damit er diese „fiesen Fussel“ nicht im Mund hat. Und wieder haben wir neue Gerichte in unsere Familienpalette aufgenommen.

Viele Kinder lieben Obst oder Rohkost
Die meisten Kinder mögen Obst und Rohkost © istock

Die wichtigsten praktischen Tipps für eine entspannte Familienernährung in Kurzform:


  • Akzeptieren Sie, dass Ihr Kind Dinge einfach nicht probieren möchte. Sie wollen ja vielleicht auch nicht alles essen
  • Vermeiden Sie, das Essverhalten Ihres Kindes zu bewerten, vor allem in Gegenwart anderer. Statt von einem „wählerischen oder „schlechten Esser“ zu sprechen, stellen Sie lieber fest was Ihr Kind alles essen möchte.
  • Bieten Sie vitaminreiche Kost eher an mit dem Hinweis, welche Gefühle Sie damit verbinden als mit dem Adjektiv „gesund“

>> Noch mehr Tipps für einen entspannten Umgang mit dem Thema Essen finden Sie hier
Vor allem aber sollten Sie versuchen, entspannt zu bleiben.

Denn Essen ist doch eine der schönsten Sachen der Welt. Dabei möchte man auf gar keinen Fall streiten!

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