Alexa Iwan: So funktioniert gesunde Kinderernährung

Alexa Iwan: "Die gesunde Ernährung beginnt im Mutterleib."

Übergewicht aus Langeweile, ein Dickmacher-Gen oder falsche Vorbilder, was ist der Grund für dicke Kinder? Unsere Redakteurin Nora Lohner hat mit der Expertin Alexa Iwan gesprochen.

ANZEIGE

Diplom-Ökotrophologin und food coach Alexa Iwan hilft Familien, in denen Kinder und möglicherweise auch Eltern übergewichtig sind. Die Buchautorin ist selbst Mutter von zwei Kindern und durch ihre zahlreichen Publikationen und Auftritte in Rundfunk und TV bekannt geworden. Im Interview erklärt sie, worauf Eltern bereits bei Kleinkindern achten sollten.

Wie kommt es, dass auch kleine Kinder schon sehr übergewichtig sein können. Ist das alles nur angegessen oder gibt es ein Dickmach-Gen?
Es gibt tatsächlich eine genetische Veranlagung für Übergewicht. Das bedeutet aber nicht, dass die Betroffenen in jedem Fall dick werden, sondern nur, dass sie schneller Pfunde ansetzen als Menschen, die diese Veranlagung nicht haben. Grundsätzlich gilt: es wird nur derjenige dick, der mehr Energie (= Kalorien) zu sich nimmt, als er verbraucht. Das zunehmende Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, welches wir heute beobachten, ist häufig eine Folge von Überernährung in Kombination mit Bewegungsmangel und einer genetischen Veranlagung.

Können Eltern bereits im Babyalter eingreifen und die Nahrungszufuhr steuern?
Die gesunde Ernährung eines Babys beginnt sogar schon im Mutterleib! Studien haben gezeigt, dass Babys, deren Mütter in der Schwangerschaft sehr viel Gewicht zugenommen haben, ein höheres Risiko tragen später übergewichtig zu werden. Der Körper des Babys wird im Mutterleib quasi „fehlprogrammiert“. Umgekehrt wissen wir heute, dass mehrmonatiges Stillen das Übergewichtsrisiko für die Babys senkt.

Sobald das Baby zum Kleinkind wird und selbstständig essen kann, sollten Eltern sich immer der Tatsache bewusst sein, dass sie Vorbilder sind. Kinder lernen durch Nachmachen. Auch ohne Worte. Und wenn ein Kind von Anfang an sieht und erlebt, dass Gemüse und Obst zum täglichen Speiseplan gehören und Mama und Papa dies auch selbstverständlich essen, wird es diese Gewohnheit nicht in Frage stellen. Natürlich wird es vielleicht nicht jedes Gemüse mögen, aber das ist völlig normal. Hier ist dann die Fantasie der Eltern gefragt. Denn kein Gemüse ist unersetzlich. Mitunter braucht es einfach Geduld: Studien zeigen, dass man einem Kleinkind neue Speisen 7-10 mal anbieten muss, bis es sie akzeptiert. Und wir wissen heute auch, dass Menschen Lebensmittel nicht mögen, weil sie sie mögen – sondern, weil sie sie gewöhnt sind. Und diese Gewohnheiten werden im frühesten Kindesalter geprägt.

Was kann ich als Elternteil machen, wenn das Kind trotzdem nach Nahrung schreit. Hat es dann tatsächlich immer nur Hunger oder können auch andere Gründe Ursache sein?
Ernährung von Kindern ist immer auch Erziehung. Kinder merken sehr schnell, dass das Thema „Essen“ insbesondere bei uns Müttern sehr emotional besetzt ist. Ein Kind, welches das Essen verweigert, bringt seine Mutter in der Regel enorm in Stress. Insofern ist klar, dass über das Essen auch Machtkämpfe ausgetragen werden. Gleichzeitig kann Essen auch Trost, Zuwendung, Ablenkung oder ein Ausdruck von Langeweile sein. Eltern sollten aufmerksam beobachten, auf welcher Ebene sich die Situation gerade abspielt und danach abwägen, wie sie reagieren.

Ab wann wir das Übergewicht überhaupt bedenklich? Kann es sich bei kleinen Kindern rauswachsen?
Natürlich kann sich ein bisschen Babyspeck mit der Zeit rauswachsen, insbesondere wenn kein anderes Familienmitglied übergewichtig ist und man also nicht von einer Veranlagung zu Übergewicht ausgehen muss. Sobald jedoch ein oder beide Elternteile ebenfalls übergewichtig sind, wäre ich vorsichtig. Möglicherweise liegen dann Fehler in der Familienernährung vor. Erster Ansprechpartner ist in jedem Fall der Kinderarzt. Er kann beurteilen, ob es sich um Babyspeck oder um echtes Übergewicht handelt und wird ggf. entsprechende Maßnahmen empfehlen.

Worauf sollten Eltern grundsätzlich bei der Ernährung Ihrer Kinder achten?
Wichtig ist, dass Kinder möglichst frisch und abwechslungsreich ernährt werden. Das bedeutet: möglichst wenig Fertigprodukte, damit sie sich nicht an den „industriellen Einheitsgeschmack“ gewöhnen. Stattdessen viel frisches Obst, Rohkost und Gemüse. Dazu Vollkornprodukte (Naturreis, Vollkornbrot, Haferflocken), Milch und Joghurt, Fisch, Fleisch. Benutzen Sie hochwertige Öle und schaffen Sie klare Regeln für den Umgang mit Süßigkeiten und Softdrinks. Zum Beispiel: ein „Limoabend“ in der Woche (an den anderen Tagen gibt es Wasser oder Schorle). Oder eine Süßigkeitenbox für die ganze Woche, wodurch die Kinder lernen sich den Genuss einzuteilen.

An wen können sich Eltern wenden, wenn sie keinen Rat mehr wissen?
Der Kinderarzt ist immer ein guter Ansprechpartner. Hilfe bei sehr starkem Übergewicht bietet auch die Arbeitsgemeinschaft für Adipositas im Kinder- und Jugendalter (AGA). Auf der Webseite www.a-g-a.de finden sich Buchempfehlungen, Therapiezentren sowie eine Liste mit zertifizierten Ernährungsfachkräften, geordnet nach Postleitzahlen.

Das könnte auch von Interesse sein